Franziska Windt (SPSG) PDF

David schuf mit der monumentalen Darstellung „Napoleon bei der Überquerung des St. Bernhard“ ein weltbekanntes Propagandabild des damaligen Ersten Konsuls zu Pferd, das zeigt, wie dieser in die Geschichte eingehen wollte. David malte die Szene gleich fünfmal, viermal mit Napoleon auf einem Schimmel oder Grauschimmel, einmal mit dem Konsul auf einem Braunen.
Vom 17. bis 20. Mai 1800 hatte Napoleon die Alpen überquert und war mit seiner Armee im Zuge des Zweiten Koalitionskriegs in Oberitalien eingefallen. Am 14. Juni besiegte er eine österreichische Armee in der Schlacht bei Marengo. Die Datierung bei der Signatur am Zaumzeug “I. L. DAVID l’AN IX.” (Jacques-Louis David im Jahre 1800) verweist auf dieses Ereignis.
Mit den Inschriften auf den Felsen links am Boden: „BONAPARTE [/] (…)ANNIBAL [/] KAROLVS MAGNVS“, ließ Napoleon sich in die Folge des berühmten karthagischen Heerführers Hannibal (247-183 v. Chr.) und Kaiser Karls des Großen (747/748-814) einreihen. Der Karthager Hannibal war während des Zweiten Punischen Krieges mit einem großen Heer und einer Anzahl Kriegselefanten vollkommen überraschend und gegen alle Widrigkeiten über die Alpen nach Italien gezogen und hatte die Römische Republik in ihrer Existenz bedroht. Und unter Karl dem Großen hatte das fränkische Reich seine größte Ausdehnung erreicht. Diese großen Leistungen waren der damaligen Welt zwar noch bekannt, lagen jedoch weit zurück. Napoleons Leistung, sein Name steht oberhalb der beiden anderen Namen, aber war die frischeste. Sein Name ist im Stein klar und deutlich zu lesen, der Hannibals ist dagegen schon fast verblasst, der Karls des Großen merklich gealtert.
Napoleon sitzt, oberhalb der Inschriften, vor der Kulisse schneebedeckter Bergzüge in heroischer Pose sicher und fest auf seinem steigenden braunen Pferd. Die wehende Mähne, der Schweif des Pferdes und der im Wind flatternde üppige rote Umhang zeigen die Heftigkeit der Vorwärtsbewegung gegen den Widerstand der ungünstigen Umstände nach links. Das weit geöffnete Maul, die geblähten Nüstern und das wild aufgerissene Auge des Pferdes stehen in Kontrast zur kontrollierten, ruhigen Haltung und der makellosen Pracht von Napoleons Uniform. Seine zur Faust geballte linke Hand hält die Zügel. Mit der rechten Hand weist er steil nach oben. Hinter und unterhalb Napoleons schlängelt sich ein Tross von Soldaten mühsam den Berg hinauf.
Die erste Version des für Karl IV. von Spanien bestimmten Gemäldes von David, gefiel Napoleon so gut, dass er für sich weitere Versionen bestellte. Die „Charlottenburger“ Fassung behielt er in seinem zwischen Paris und Versailles gelegenen Schloss Saint Cloud. Dort hing das Bild 1806 im Thronsaal des 1804 zum Kaiser der Franzosen Gekrönten.
Ganz Festlandseuropa machte sich Napoleon bis 1812 untertan. Doch sein Angriff auf Russland scheiterte. 1814 standen die Armeen der Verbündeten Russland, Österreich und Preußen schließlich in Paris. Napoleon wurde auf die Insel Elba verbannt. Im Frühjahr 1815 brach er aus seinem Exil aus, marschierte auf Paris und regierte noch einmal für hundert Tage, bis er im Juni 1815 die Schlacht bei Belle Alliance oder Waterloo in der Nähe von Brüssel gegen die alliierten Truppen unter dem britischen General Wellington und dem preußischen Feldmarschall Blücher verlor. Die Konvention von St. Cloud am 3. Juli 1815 zwang die französische Armee wiederum zur Kapitulation und zur Übergabe von Paris an die alliierten Truppen.
Nach der Kapitulation nahm Gebhard Leberecht von Blücher, Fürst von Wahlstatt, sein Hauptquartier im Schloss St. Cloud. Blücher war ein ausgesprochener und zorniger Feind Napoleons, der versuchte, die Erfolge des Kaisers gegen Preußen dem Gedächtnis zu entziehen. So hatte er die Pont d`Iéna sprengen wollen, und er setzte sich sehr dafür ein, dass die von den Franzosen unter Leitung von Dominique-Vivant Denon, dem vielseitig talentierten Kunstmann und Politiker, Direktor des Musée Napoléon während des Feldzugs von 1806 geraubten Kunstwerke Preußens wieder zurückgeführt wurden. Selbst wandelte Blücher aber auch in Napoleons Spuren.
Aus St. Cloud brachte er verschiedene Gemälde wie auch andere Gegenstände – und eben das Napoleon-Porträt von David – als Kriegsbeute mit. Einige dieser Beutestücke stellte er als Leihgabe in einer Anfang Oktober 1815 eröffneten Ausstellung der Königlich Preußischen Akademie der Künste in Berlin zur Verfügung. Die Ausstellung zeigte vorwiegend die „Gemälde und Kunstwerke, welche durch die Tapferkeit der vaterländischen Truppen wieder erobert“ wurden, also diejenigen Werke, die Denon 1806, nach der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstedt gegen die napoleonische Armee, hatte nach Frankreich bringen lassen[1] und die vor allem durch die Bemühungen Blüchers wieder zurückgeführt wurden. Der durch die Eintrittsgelder der Ausstellung erzielte Erlös ging an die Kriegsversehrten. Zu dieser Beutekunst, gehörten u.a. die beiden Gemälde aus der Oberen Galerie des Neuen Palais in Potsdam von Luca Giordano, das „Urteil des Paris“ und den „Raub der Sabinerinnen“.
Aus Rache für den Kunstraub hatte Blücher jedoch gleich Napoleon und ohne schlechtes Gewissen selbst Kriegsbeute gemacht. Das „Morgenblatt für gebildete Stände“, eine Zeitung, in der die Berliner Ausstellung besprochen wurde, umschrieb diesen Sachverhalt sehr elegant: „Man findet in der Ausstellung dem Fürsten Blücher eigen gewordene Werke“ und sozusagen als Rechtfertigung für den Raub: es „kann jenen Künstlern lieb seyn, daß diese Bilder zu uns kamen“. [2] Der Autor bewunderte besonders das Gemälde von David, das „durch die kühne Anordnung und Ausführung einen siegenden Eindruck“ gewinne.
Es ist bemerkenswert, dass der preußische Journalist die Franzosen in dieser Ausstellung auf dem Gebiet der Kunst siegen lässt und deren Schönheiten preist, die so „überragend [ist], daß Schwächeres wenig bemerkt werden kann“ – Blücher hätte dies nicht getan. Offenbar befürchtete der namentlich nicht bekannte Schreiber aber auch, dass das Publikum in Erinnerung an die „Franzosenzeit“, die rigide Herrschaft der Besatzer nach 1806, die Werke aufgrund ihres Entstehungsortes und ihrer Überzeugungskraft als nationale Kunst Frankreichs ablehnen könnte. Deshalb betont er, dass „ohne Scheu der Kunstwerth daran erfreuen [darf]; denn alles Treffliche im Reiche Apollo’s gehört der ganzen Menschheit an“.
Blücher schenkte das Gemälde bald darauf König Friedrich Wilhelm III. Es fand seinen Platz in der Bildergalerie des Berliner Schlosses, wo es zusammen mit dem Reiterbild Friedrich Wilhelms III. von Franz Krüger und einem die Komposition Davids spiegelbildlich aufnehmenden, 1823, nach dem Tod des Feldmarschalls und zu seinen Ehren entstandenen, Reiterbildnis Blüchers von Simon Meister, heute im Neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg, präsentiert wurde.[3]
[1] Verzeichniß von Gemälden und Kunstwerken, welche durch die Tapferkeit der vaterländischen Truppen wieder erobert worden und auf Verfügung eines Hohen Ministerii des Innern in den Sälen der königl. Akademie der Künste zu Gunsten der verwundeten Krieger des Vaterlandes […] öffentlich ausgestellt sind, Berlin 1815, S. 22f., S. 86: „Die im ersten runden Saale aufgestellten Bildnisse von David, Gerard und andern lebenden vorzüglichen französischen Künstlern gemalt, Sr. Durchlaucht dem Herrn Fürsten Blücher von Wahlstadt zugehörig, sind mit Dessen Genehmigung zur Ausstellung geneigtest hergegeben worden.“
[2] Morgenblatt für gebildete Stände, 21. November 1815, S. 1112.
[3] Max Schasler: Berlins Kunstschätze. Ein praktisches Handbuch zum Gebrauch bei der Besichtigung derselben, 2. Abth. Die öffentlichen und Privat-Kunstsammlungen, Kunstinstitute und Ateliers der Künstler und Kunstindustriellen von Berlin. Ein praktisches Handbuch (…), Berlin 1856, S. 175.
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Franziska Windt: Jacques-Louis Davids „Napoleon Bonaparte überquert den St. Bernhard“, in: BildGeschichte #38, 14/07/2026, URL: https://recs.hypotheses.org/?p=16797.
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Redakteur: Jürgen Luh (14. Juli 2026). BildGeschichte #38: Jacques-Louis Davids „Napoleon Bonaparte überquert den St. Bernhard“. Research Center Sanssouci. Abgerufen am 19. August 2026 von https://doi.org/10.58079/16kkp
